Haltung zeigen, statt neutral zuzuschauen

Neutralität. Kaum ein Begriff ist so tief in unserem nationalen Selbstverständnis verankert wie dieser. Er klingt nach Sicherheit, Stabilität und Unabhängigkeit. Im September stimmen wir über eine Initiative ab, die genau diese Neutralität in eine starre Form giessen will. Doch was bedeutet Neutralität wirklich – in der grossen Politik und in unserem ganz persönlichen Alltag?

Politkolumne von Priska Grünenfelder, Landrätin Niederurnen

Im Kleinen erleben wir ständig Situationen, die eine Haltung erfordern. Stellen wir uns eine Auseinandersetzung in einem Verein vor, bei der ein Mitglied wiederholt die Statuten bricht und das Miteinander stört. Bleibt der Vorstand dann «neutral» und schaut tatenlos zu? Nein, er hört sich beide Seiten an, aber ergreift am Ende Partei für die gemeinsamen Regeln. Ein Schiedsrichter ist unparteiisch, aber wenn ein Spieler brutal foult, zückt er die Rote Karte. Er bleibt nicht neutral gegenüber dem Regelbruch – und diese Karte behält ihre Wirkung idealerweise auch dann, wenn sie den Interessen der Mächtigen im Weg steht.

Genau diese Haltung ist auch in der Politik entscheidend. Die Neutralitätsinitiative verlangt eine absolute, rigide Neutralität. Die Schweiz dürfte sich an keinerlei nichtmilitärischen Sanktionen beteiligen – selbst dann nicht, wenn ein Staat völkerrechtswidrig ein anderes Land überfällt. Das wäre keine Stärke, sondern Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht. Es würde die Schweiz isolieren und ihre Glaubwürdigkeit als Verfechterin des Völkerrechts untergraben.

Deshalb stellt sich eine breite Allianz gegen diese Initiative. Unsere bewährte Neutralität war immer flexibel. Sie hat uns Handlungsspielraum gegeben, um unsere Werte – Demokratie, Menschenrechte und Frieden – zu verteidigen, ohne uns militärisch zu binden. Das Mittragen von Sanktionen gegen einen Aggressor ist kein Bruch der Neutralität, sondern die Verteidigung der Ordnung, auf der auch unsere Sicherheit beruht.

Die politische Debatte droht auch bei uns im Kanton schärfer zu werden. Die jüngsten Verschiebungen im Landrat fordern alle demokratischen Kräfte heraus, klarer Position zu beziehen und sich abzugrenzen. Es geht darum, deutlich zu machen, wofür man steht. Die Debatte um die Neutralität ist eine perfekte Gelegenheit dafür. Wir müssen uns entscheiden: Stehen wir für eine Neutralität des Wegschauens oder für eine, die auf einer klaren Haltung für Recht und Gerechtigkeit basiert?

Am Ende geht es um die Frage, wer wir als Land sein wollen. Ein Staat, der sich aus der Verantwortung stiehlt, oder ein verlässlicher Partner, der für seine Prinzipien einsteht? Wahre Stärke liegt nicht in der starren Isolation, sondern in der Fähigkeit, klug und wertebasiert zu handeln. Das gilt im Grossen wie im Kleinen.

PS: Bundesrat und Parlament lehnen die Neutralitätsinitiative ab. Mehr über die Gründe für ein Nein ist im Artikel vom 15. Juli 2026 im direkt-magazin.ch zu erfahren. An unserem kantonalen Parteitag vom 13. August 2026 fassen wir die Parole zur Neutralitätsinitiative. Als SP-Mitglied kannst du dann mitreden und mitbestimmen. Wir freuen uns auf deine Teilnahme.


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