Der Dauerspagat der Mütter

Mütter leisten enorm viel. Sie organisieren den Familienalltag, halten den Haushalt am Laufen und sind oft der emotionale Anker der Familie. Und viele arbeiten in einem Job. Sie jonglieren Termine, Verantwortung und Erwartungen – meist gleichzeitig. Und trotzdem scheint es nie zu genügen.
Politkolumne «zur Debatte» von SP-Landratskandidatin Susanna Schiesser, Mitlödi
Arbeitet eine Mutter viel, wird gefragt, warum sie überhaupt Kinder bekommen hat. Reduziert sie ihr Pensum, heisst es, sie vergeude ihr Potenzial. Bleibt sie ganz zu Hause oder übernimmt überwiegend unbezahlte Care-Arbeit, muss sie sich ebenfalls erklären. Auch Mütter in Teilzeit, mit befristeter oder finanziell unsicherer Beschäftigung, in Führungspositionen, in Patchwork- oder Einelternfamilien – sie alle erleben Bewertungen.
Vollzeit? Rabenmutter. Teilzeit? Nicht engagiert genug. «Nur» für die Familie da? Nicht zeitgemäss. Ganz gleich, wie sie sich entscheidet – sie steht unter Beobachtung. Und unter Rechtfertigungsdruck.
Dieser Druck kommt nicht zufällig. Er speist sich aus überholten Rollenbildern, aus einer Leistungsgesellschaft, die Optimierung zur Norm erklärt, und aus einer digitalen Öffentlichkeit, in der perfekte Familienbilder rund um die Uhr inszeniert werden. Social Media verstärkt den Vergleich. Und der Vergleich nährt die Selbstzweifel.
Das Problem liegt jedoch tiefer. Unsere Gesellschaft hat sich wirtschaftlich modernisiert – strukturell aber nur halb. Wir erwarten Erwerbsbeteiligung von Frauen, bieten jedoch Rahmenbedingungen, die Vereinbarkeit zur Dauerbelastung machen. Hohe Betreuungskosten, starre Arbeitsmodelle und eine weiterhin ungleich verteilte Care-Arbeit sorgen dafür, dass viele Mütter dauerhaft im Spagat leben – unabhängig davon welches Modell sie wählen.
Gleichzeitig wird ihre Leistung kleingeredet. Dabei tragen berufstätige Mütter wesentlich zur finanziellen Stabilität ihrer Familien bei. Auch Teilzeit sichert Einkommen, reduziert Abhängigkeiten und stärkt wirtschaftliche Resilienz. Mütter, die unbezahlte Care-Arbeit leisten, tragen ebenso zentral zur Stabilität von Familien und Gesellschaft bei. Es geht nicht um ein „richtig“ oder „falsch“. Es geht um Sicherheit, Anerkennung und Selbstbestimmung.
Der Druck entsteht also nicht, weil Mütter zu empfindlich wären. Er entsteht, weil sie objektiv viel leisten – und dafür erstaunlich wenig strukturellen Rückhalt erhalten. Statt Anerkennung gibt es moralische Bewertungen. Statt politischer Lösungen individuelle Vorwürfe.
Wenn wir Gleichstellung ernst meinen, müssen wir aufhören, individuelle Lebensentscheidungen zu kommentieren. Nicht die Mutter steht zur Debatte – sondern das System.
Was es braucht, ist keine weitere Bewertung, sondern bessere Kinderbetreuung, flexible Arbeitsmodelle für alle Geschlechter – und eine gesellschaftliche Anerkennung von Care-Arbeit, vor allem auch für Mütter und Väter, die Vollzeit zu ihren Kindern schauen.
Mütter müssen sich nicht erklären – sie brauchen keine Rechtfertigung, sondern Respekt.